Dr. Marc Beise, Wirtschaftschef der Süddeutschen Zeitung

"Die großen Reformen sind nicht in Sicht"

Dr. Marc Beise spricht im Video-Interview mit Vision50plus.de über sein Buch

Deutschland - falsch regiert. Das Elend der kleinen Schritte

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Was hat die Regierung Merkel im ersten Amtsjahr an wichtigen Reformvorhaben auf den Weg gebracht? Der Titel des Buches lässt keinen Zweifel an der Antwort Beises, der seit Anfang 2007 die Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung leitet: kleine Schritte statt grundlegender Umstrukturierungen. Beispiel Gesundheitsreform. Die Verantwortlichen hätten viel versprochen und wenig erreicht:


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Der Gesundheitsfonds sei lediglich der Versuch, Geld, das ins System fließt, etwas gerechter zu verteilen als bisher. Aber die eigentlichen Fragen seien vertagt worden:


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Mehr Markt könne dafür sorgen, dass nicht mehr so viel Geld im System versickere.


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Auch auf die große Steuerreform warte man noch immer. Der Ansatz von Paul Kirchhof sei richtig, auch wenn er aus politischem Blickwinkel heraus etwas naiv wirke.


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Das Elend der kleinen Schritte rühre dabei keineswegs von unfähigen oder unmotivierten Politikern her. Je länger er sich mit einzelnen Politiker-Persönlichkeiten, an denen er Reformthemen in seinem Buch festmache, befasst habe, je mehr Sympathie bringe er diesen Menschen entgegen:


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In der Föderalismusreform sieht Beise lediglich einen ersten Anlauf, das komplizierte Geflecht zwischen Bund- und Länder-Ebenen etwas auseinander zu dividieren. Die Reform sei jedoch an einem wichtigen Punkt stehen geblieben: bei den Finanzströmen. Die gesamte Finanzverfassung hätte dahingehend überarbeitet werden müssen, dass derjenige, der neue Leistungen ins System einbringe, auch die Kosten dafür zu tragen habe. Die unmittelbare Verantwortlichkeit der Bundesländer hätte klar werden müssen. Aber:


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Könnte der inzwischen wieder viel beschworene "Starke Mann" unsere Probleme lösen?


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Dennoch braucht unser System einen durchsetzungsfähigen und mutigen Regierungschef, so Beise.


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Auch Kanzlerin Merkel müsse sich gegebenenfalls mit dem eigenen Lager anlegen, wenn sie eine gute Kanzlerin werden wolle. Natürlich sei es schwer, Reformen anzugehen, die die Situation vieler Menschen zuerst einmal verschlechtern, ehe auf lange Sicht eine Verbesserung für alle eintrete. Und die Einkommensschere öffne sich schon jetzt unbestreitbar immer weiter. Immer mehr Menschen fielen unter die Armutsgrenze, auch wenn man sich darüber streiten könne, ob die betroffenen Menschen wirklich arm seien. Sie seien jedenfalls arm in einem ansonsten reichen Land. Ihnen helfe man jedoch nicht, indem man ihnen kurzfristig Schecks in die Hand drücke und den Reichen von ihrem Reichtum nehme.


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Eine der ganz großen Herausforderungen für die Regierung Merkel besteht laut Beise darin, Chancengleichheit wieder herzustellen.

Auf die richtige Weichenstellung komme es auch beim Thema Innovationsfähigkeit an. Noch gebe es hierzulande insbesondere im Mittelstand viele Unternehmen, die auf dem Weltmarkt sehr erfolgreich seien. Aber gerade in neuen Feldern wie Telekommunikation, Gentechnik, Nanotechnologie usw. gingen viele Entwicklungen bereits an Deutschland vorbei. Mit Clustern könne man hier gegensteuern:


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Die unternehmerische Entscheidung müsse Sache der Unternehmen selbst bleiben. Weniger Staat, mehr Gestaltungsfreiheit für den einzelnen Akteur wagen - Beises dringender Appell an alle Verantwortlichen.


Das Video-Interview mit Dr. Marc Beise wurde im Juli 2006 - also vor Erscheinen des Buches "Deutschland - falsch regiert" - aufgezeichnet. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 3. April 2007 einen Hinweis auf die Neuerscheinung des Hanser Verlags.


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