Dr. med. Rainer Göldner, Volkswagen AG

"Ältere Mitarbeiter sind ein Aktivposten für die Gestaltung der Zukunft"

Mit diesen Worten brachte Dr. med. Rainer Göldner, Leitender Werkarzt Gesundheitswesen der Volkswagen AG, beim World Ageing and Generations Congress in St. Gallen die Philosophie des Unternehmens zum Thema Beschäftigung älterer Mitarbeiter auf den Punkt.


Dr. med. Göldner im Video

(Filmsymbol für Video-O-Ton bitte anklicken)


Vision50plus: Herr Dr. Göldner,
warum raten Sie Unternehmen zu einer Altersstrukturanalyse?


Ein Unternehmen sollte eine möglichst ausgewogene Altersstruktur haben. Gestauchte bzw. komplexe Alterstrukturen sollten vermieden werden. Das Durchschnittsalter der Belegschaft hat lediglich orientierenden Wert und ist für Zukunftsprognosen wenig brauchbar. Detaillierte Altersstrukturanalysen lassen Handlungsnotwendigkeiten erkennen und tragen zudem zur Bewusstseinsschaffung für das Thema "ältere Mitarbeiter" bei.

Welche Aspekte sollte ein Unternehmen berücksichtigen, das sich auf eine alternde Belegschaft einstellen möchte?

Grundsätzlich gilt, dass gesunde und fitte Mitarbeiter eine zentrale Voraussetzung für die Herstellung exzellenter Produkte sind. Erhalt und Förderung von Gesundheit und Fitness sollten bereits bei den Auszubildenden beginnen und sich über das gesamte Arbeitsleben erstrecken.

Die Arbeitswelt sollte grundsätzlich so gestaltet werden, dass junge und ältere Mitarbeiter die Tätigkeiten ausführen können. Ergänzend ist den besonderen Leistungsveränderungen Älterer Rechnung zu tragen. Arbeitsgestaltung hat Vorrang vor personenbezogenen Maßnahmen.
Generationenübergreifende Gruppenarbeit ist nicht nur eine sinnvolle Arbeitsorganisationsform, sie trägt auch zum Wissensaustausch/-transfer bei.

Bei der Arbeitszeitgestaltung sollten Leistungsveränderungen Älterer berücksichtigt werden. Dazu gehören z.B. verringerte (Nacht-)Schichttoleranz, Kurzpausenbedarf, Teilzeitangebote und Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung.

Zeitwertpapiere eröffnen den Mitarbeitern die Möglichkeit, früher aus dem Arbeitsleben auszuscheiden und sind ein Instrument der individuellen Lebensarbeitszeitgestaltung. Dies ist umso bedeutsamer angesichts der veränderten gesetzlichen Regelungen zum Rentenalter.

Lebenslanges Lernen ist ein Muss. Unternehmen und Mitarbeiter sind hier gefordert. Jeder Einzelne muss selbst zu seiner "Employability" beitragen. Wichtig sind Arbeitsbedingungen, die Lernen fordern und fördern.

Führungsverhalten hat entscheidenden Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit älterer Mitarbeiter. Es muss alternsangemessen sein. Jüngere Führungskräfte bedürfen einer entsprechenden Vorbereitung.

Bei den Mitarbeitern sind Erwartungshaltungen und Besitzstandsdenken abzubauen. Alter allein ist kein Grund, nicht mehr an Weiterbildung teilzunehmen, auf einen anderen Arbeitsplatz versetzt zu werden oder in Passivität zu verfallen. "Bis 55 reinhauen und dann in die Rente" gilt nicht mehr. Hier ist ein Bewusstseinswandel nötig.

Warum halten Sie es für so bedeutsam, die Belange älterer Mitarbeiter bereits im Produktentstehungsprozess zur Sprache zu bringen?

Im Produktentstehungsprozess wird nicht nur über Produktmerkmale entschieden, hier fallen vielmehr bereits wichtige Vorentscheidungen für den Produktionsprozess und damit auch für die Arbeitsgestaltung. Arbeitsgestaltung - umfassend verstanden - beginnt bereits bei der Produktgestaltung. Es gilt der Grundsatz der "projektiven" Arbeitsgestaltung.

Erkrankt ein Volkswagen-Mitarbeiter schwer, so bemühen Sie und Ihre Kollegen sich bereits in der Rehabilitationsphase um seine Zustimmung zu einer "sinnstiftenden Reintegration" - erläutern Sie doch bitte diese Maßnahme!

Die Mitarbeiter sollen im Rahmen eines "prospektiven Integrations-
managements"
optimal in den Arbeitsprozess reintegriert werden - in Kooperation mit allen Beteiligten. Dies soll möglichst frühzeitig geschehen, die vorgesehene Tätigkeit soll für den Mitarbeiter sinnvoll und wertschätzend sein und sie soll zur Wertschöpfung beitragen.

Inwiefern könnten Telemedizin und Smart Clothes künftig zur besseren Integration Älterer in ein Unternehmen beitragen?

Indem sie u.a. die Erfassung physiologischer Parameter erlauben und damit für ältere Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen grundsätzlich das mögliche Einsatzspektrum erweitern. Mögliche Fehlbeanspruchungen werden frühzeitig erkennbar. Smart Clothes können darüber hinaus die Mitarbeiter von bestimmten Anforderungen entlasten.

Vielen Dank für Ihre Ausführungen, Herr Dr. Göldner!