Dr. Andreas Heigl, Gutachter der Bundesregierung

"Die Alterung unserer Gesellschaft wird erst dann zum Problem, wenn die sozioökonomischen Rahmenbedingungen nicht angepasst werden"

Diese Überzeugung vertritt Dr. Andreas Heigl, Gutachter zum 7. Familienbericht der Bundesregierung. Nach Heigls Vortrag beim Themenabend "Megatrend Demografie" im Münchner SiemensForum (s.u.) hatte Vision50plus.de Gelegenheit, mit ihm über sein Gutachten zu sprechen.

Herr Dr. Heigl,
das ZDF sendete kürzlich einen schockierenden Mehrteiler, wie unsere Zukunft 2030 aussehen könnte. Wie nah war der Film an dem, was uns nach Ihren Erkenntnissen erwarten dürfte?


Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 01)

Weniger Aktive werden für mehr Ältere aufkommen müssen. Sie schreiben in Ihrem Gutachten, die demografische Entwicklung könnte das langfristige Wachstumspotenzial unserer Volkswirtschaft bedrohlich nahe an Null heranführen, und fordern die Wissenschaft auf, angesichts dessen auch Schrumpfungstheorien zu entwickeln. Andernfalls könnten potenzielle Verstärkungs- und Rückkopplungseffekte nur allzu leicht übersehen werden. Was heißt das?

Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 19)

Inwiefern würden sich Schrumpfungstheorien von den bislang zugrunde gelegten Wachstumstheorien unterscheiden?

Dr. Andreas Heigl im Video (28 Sek)

Was kann „Schrumpfen“ in diesem Sinne ganz konkret bedeuten?

Dr. Andreas Heigl im Video (32 Sek)

Sie empfehlen, die "demografische Dividende“ zu nutzen – was versteht man unter diesem Begriff und inwiefern könnte dies zur Lösung anstehender Probleme beitragen?

Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 55)

Wenn weltweit bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, also vor allem die G8 mit ihren Vorhaben in die Gänge kommen...

Dr. Andreas Heigl im Video (55 Sek)

Ein sorgenfreies Alter - das bestätigen auch Ihre Erkenntnisse - wird künftig nur noch der genießen, der auf seine Ersparnisse zurückgreifen kann. Aber selbst dieses „Entsparen“ könnte negative Folgen haben...

Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 46)

Ältere, die über die entsprechenden Mittel verfügen, werden ihr Geld also ausgeben – was werden sie nachfragen?

Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 45)

Wird es einen „Milliardenmarkt Senioren“ geben?

Dr. Andreas Heigl im Video (51 Sek)

Man sollte annehmen, dass in einer alternden Gesellschaft die Ausgaben für Mobilität und Bildung zurückgehen – wird dem so sein?

Dr. Andreas Heigl im Video (44 Sek)

Welche konkreten Forderungen an die Politik leiten Sie aus Ihrer Untersuchung ab?

Dr. Andreas Heigl im Video (1 Min 13)




"Altern ist nicht gleich Alterung - jeder altert anders!

Bei einem Themenabend am 4.12.06 im Münchner SiemensForum zum "Megatrend Demografie" versuchte Dr. Andreas Heigl aufzuzeigen, dass alternde Gesellschaften keineswegs zum Vergreisen verdammt sind. Die genaue Rolle der Einflussfaktoren beim Alterungsprozess seien noch nicht eindeutig geklärt, aber es spreche inzwischen viel dafür, dass die Rolle der Gene lange Zeit überschätzt worden sei. Für einen nennenswerten Einfluss von Umwelt und Verhalten lasse sich etwa eine Untersuchung von Klosterpopulationen ins Feld führen, die ergeben habe, dass die im Kloster lebenden Männer im Schnitt nur ein Jahr früher sterben als weibliche Klosterbewohner, während die Differenz zwischen der Lebenserwartung von Männern und Frauen in der Bevölkerung insgesamt höher liege.
Die Rahmenbedingungen für ein Altern bei relativ guter Gesundheit seien heute sehr gut, so Heigl. Immer mehr Menschen arbeiteten ohne schwere körperliche Belastung. Jeder jüngere Jahrgang bleibe im Schnitt länger gesund.

Die von seinem Vorredner Prof. Dr. Ernst Kistler behauptete Ungleichheit bezüglich der individuellen Chancen zur Gestaltung des eigenen Alterns räumte jedoch auch Heigl ein. Obwohl über 70-Jährige heute im Schnitt die reichsten Deutschen seien, gebe es bereits jetzt große Unterschiede in der Einkommens- u. Rentenverteilung. Und diese Schere werde in Zukunft noch weiter auseinander gehen. Die breite Masse werde weniger konsumieren können.

Die Alterung unserer Gesellschaft werde nur dann zum Problem, wenn man von einem geschlossenen System 'Deutschland' ausgehe und nicht rechtzeitig gegensteuere. Machten wir uns jedoch die Globalisierung zu Nutze, so könne uns die demografische Dividende in den aufstrebenden Ländern helfen, das notwendige Wirtschaftswachstum weiterhin zu erhalten. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die G8 bei ihren Bemühungen um einen globalen Ordungsrahmen vorankämen.

Obwohl alle Gesellschaften der Welt altern, glaubt Heigl nicht an einen künftigen ausgeprägten Silver Market. Ältere und Jüngere seien sich in ihrem Konsumverhalten zu ähnlich. Im Hinblick auf die Bedürfnisse Älterer komfortabler gestaltete Produkte würden bald auch von Jüngeren gekauft. Ein großer Markt speziell für Ältere eröffne sich jedoch im Bereich der Wohnungsanpassungen. Darüberhinaus würden neue alternative Wohnformen "in noch nicht vorstellbarem Maße" nachgefragt.


Märkte u. Marken im Generationenwandel

Beim 2. Generationen Kongress am 20. u. 21. Mai 04 in Bad Tölz referierte Dr. Andreas Heigl, damals noch Analyst der HypoVereinsbank, zum Thema „Milliardenmarkt Senioren“. Gegenüber Vision50plus.de äußerte er sich u.a. zum Bereich Altersvorsorge und riet zur Vorsicht bei Aktien:

Dr. Andreas Heigl zur Aktie als Altersvorsorge

Für Fonds und Festgelder gelte ähnliches. Selbst die Immobilie sei nicht ohne Risiko:

Dr. Andreas Heigl zur Vorsorge mit Immobilien

Angesprochen auf die Frage, ob Immobilienfinanzierer wie die HypoVereinsbank zur Rolle des Trendsetters auf dem Markt für neue altengerechte Wohnformen wie etwa die SeniorenWG bereit seien, winkte Heigl ab. Auch wenn solche Immobilien im Gegensatz zur herkömmlichen Wohnung für die Kleinfamilie auf lange Sicht an Wert gewinnen dürften, müssten Interessierte diese Entwicklung selbst vorantreiben:

Dr. Andreas Heigl: Immobilienfinanzierer warten auf die „kritische Masse"