 |

 |
Dr. Andreas Moerke, Deutsches Institut für Japanstudien
 |
Wie sich die japanische Automobilindustrie auf den demografischen Wandel einstellt
(Filmsymbol für Video-O-Töne bitte anklicken)
Japans Bevölkerung wird in den kommenden Jahren überproportial schnell altern. Lag die Zahl der über 65-Jährigen 2005 noch
bei rund 20 Prozent, wird ihr Anteil bis 2015 auf 26,3 %, bis 2050 sogar auf knapp 40 % steigen. Die Automobilindustrie
des Landes, das zweitgrößter Autobauer der Welt ist, reagiert schneller als die Branche in Deutschland, das bei den Stückzahlen Rang drei belegt.
Dr. Andreas Moerke vom Dt. Institut für Japanstudien hat in einer Studie untersucht,
mit welchen Produkten und Technologien japanische Autohersteller auf die älter werdende Kundschaft antworten
wie Ältere als Käufer/ Nutzer angesprochen werden
inwiefern Ältere mit ihren Bedürfnissen und Erfahrungen in Forschung und Entwicklung einbezogen werden
wie Unternehmen auf die zunehmende Alterung ihrer Belegschaften reagieren
Ein spezifisches Produkt: das Welfare Car
Der Begriff übernimmt den Namen des Bereiches "Wohlfahrt", in dem Fahrzeuge dieser Art ursprünglich eingesetzt wurden.
Inzwischen ordern in Japan jedoch nicht mehr nur Hilfseinrichtungen in den bekannt kleineren Mengen. Auch Familien mit
eingeschränkt mobilen oder pflegebedürftigen Angehörigen erkennen, dass derart ausgerüstete Fahrzeuge ihren Bedürfnissen ebenfalls
entgegenkommen. So wurden 2005 in Japan bereits 37.000 Welfare Cars verkauft. Damit beginnt man laut Moerke langsam eine
kritische Masse zu erreichen. Für die japanische Autoindustrie sei jetzt klar: Hier entsteht ein neuer Markt. Die Hersteller
böten daher schon heute fast durchweg folgende Basistechniken an:
Schiebetüren oder weit öffnende Türen
schwenk- und absenkbare Sitze
Einrichtungen für den Zu- und Ausstieg von Rollstuhlfahrern
Honda z.B. setze klar auf die Familie als neue Käuferschicht. Das Unternehmen wolle mit seinen "Welfars"
Mobilität für die gesamte Familie gewährleisten, verzichte aber auf einen besonderen Markennamen. Nicht jeder Honda-Händler
stelle die Welfares aus, ein Katalog sei jedoch überall zu finden.
Mit schnelleren Schritten bewegt sich Moerkes Erkenntnissen nach Toyota. Das Unternehmen habe zu fast jeder Plattform Fahrzeuge aus dem Bereich Welfare
Vehicles. Im Hinblick auf das Marketing führe Toyota hier bereits heute. Man verfüge über acht Showrooms, wo andere sich auf zwei oder drei beschränkten.
Mit einem riesigen "Universal Design Showroom" in Tokio setze das Unternehmen Maßstäbe für die Präsentation
von Welfare Cars nach dem Motto "Was Älteren hilft, bringt auch Jüngeren mehr Komfort."
Toyota habe allerdings auch keine Probleme, sich ganz offen als Helfer der Älteren darzustellen. Zeichen dafür sei ein eigener
Bereich für ältere Kunden in der Homepage. Mobilität für möglichst viele zu sichern, diesen Ansatz verfolge Toyota bereits seit
den 60iger Jahren mit seinen "Welcab Vehicles". Diese Autos, deren Kunstname sich zusammensetze aus "Welfare/ Well(being)/
Welcome" und "Cabin", würden teilweise in eigenen Präsentationsräumen, den "Toyota Heartful Plaza(s)", ausgestellt, teilweise auch
zusammen mit konventionellen Fahrzeugen gezeigt.
Um neue Käuferschichten zu erschließen, gehe Toyota noch weiter: Das Auto und die sogenannten Ambient Technologies sollten künftig miteinander kombiniert werden, um
ein Produkt mit umfassendem Service anbieten zu können:
Video-O-Ton Dr. Moerke -> bitte anklicken
Ältere in Forschung und Entwicklung japanischer Autohersteller
Nach Moerkes Erkenntnissen setzt sich Toyota auch hier gegenüber anderen japanischen Unternehmen ab. Während diese sich weitgehend auf die einfache Befragung
von Kunden - u.a. auch in deren Zuhause und in Krankenhäusern - beschränkten, arbeite Toyota nach einem "spiral up" genannten
Ansatz: Kundenbefragungen werden im Laufe des Entwicklungsprozesses mehrmals wiederholt. Außerdem orientiere man sich an einem von
Toyota entwickelten "Ergo-Index", der sich aus 180 Kategorien zusammensetze und dabei helfen solle, Fahrzeuge nach ihrer
Ergonomie (auch für ältere Nutzer) zu bewerten. Das Wissen älterer Mitarbeiter mache man sich mit dem "Skilled Partner System" gezielt
zu Nutze. Wer das Rentenalter erreicht habe, könne sich als "Skilled Partner" Toyotas bewerben, um sein Wissen an jüngere
Mitarbeiter zu vermitteln.
Reaktion der japanischen Autohersteller auf die Alterung ihrer Belegschaften
Video-O-Ton Dr. Moerke -> bitte anklicken
Nissan und Toyota sind laut Moerke Vorreiter, wenn es darum geht, die körperliche Belastung für Mitarbeiter in der Montagelinie
zu reduzieren, um sie so länger am Band beschäftigen zu können. Nissan nenne diesen Prozess "ergonomic kaizen". Das bedeute im Einzelnen:
Kästen mit den Einbauteilen in leicht greifbarer Höhe
Werkzeuge in Greifentfernung
Gleitsitze für die leichtere Montage im Fahrzeuginnenraum
Hebebühnen für die Werker im Paint Shop
Durchaus beabsichtigter Nebeneffekt sei eine höhere Effektivität der Linie, nicht zuletzt dadurch, dass geringere Ermüdung
bessere Konzentration ermögliche. Fühlten sich ältere Mitarbeiter dennoch körperlich zu stark belastet, suche man für sie eine Beschäftigung
in der Verwaltung.
Japanische Autohersteller investieren also ganz bewusst, um ihre Mitarbeiter möglichst lange im Unternehmen zu halten und so
einem Arbeitskräftemangel, bedingt durch die starke Alterung der japanischen Gesellschaft, vorzubeugen. Die Alternative wäre
ein Ausweichen in "jüngere" Länder. Ist Standortverlagerung kein Thema? Natürlich denke man auch über
Verlagerungen nach, so Moerke. Südostasien und China seien als neue Produktionsstandorte im Gespräch. Und Honda habe gezeigt,
dass man auch aus China exportieren könne, aber der Automobilmarkt in Japan sei immer noch der zweitgrößte
weltweit, so dass man es vorziehe zu bleiben:
Video-O-Ton Dr. Moerke -> bitte anklicken
Auch die deutsche Automobilindustrie wird sich auf eine alternde Gesellschaft einstellen müssen. Könnte Japan als Vorbild dienen?
Video-O-Ton Dr. Moerke -> bitte anklicken
Vision50plus.de sprach mit Dr. Moerke am Rande des Generation Plus-Kongresses in Bad Tölz. Sehen Sie zu dieser Veranstaltung auch die Beiträge
Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Kfz-Gewerbe
Netzwerke der Automobilindustrie im Brennpunkt des demografischen Wandels
Bildung neu denken
Intelligente Textilien für mehr Bewegungsfreiheit bis ins hohe Alter
Gefahren berührungslos stoppen
Assisted Living
Neue Technologien und Wohnen für Senioren bergen hohes Wachstumspotenzial
|
 |
|
|
|