 |

 |
Prof. Samy Molcho, Universität Wien
 |
Körpersprache - die verkannte Informationsquelle
Die Zeichen der Körpersprache zu erkennen, sie richtig zu deuten und selbst anzuwenden, erleichtert jede Art von Kommunikation.
Als unbestrittener Experte auf diesem Gebiet gilt Samy Molcho, Professor an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien.
Sein Buch Alles über Körpersprache steht seit über zwei Jahrzehnten auf den Bestsellerlisten. Welchen Beitrag die Körpersprache
zur besseren Kommunikation in der Berufswelt leisten kann, erläuterte Prof. Molcho Ende 2005 im Gespräch mit Susanne Kihm:
Herr Prof. Molcho,
Sie kommen aus der Theaterszene, einer Welt, die von technischen Berufen wie etwa Entwicklern nicht weiter entfernt sein könnte.
Warum sollte etwa ein F&E-Manager Ihnen (professionelle) Aufmerksamkeit schenken?
Die Bewegungen eines Menschen, seine Gesten, seine Haltung sagen so ungeheuer viel über sein Denken aus, dass es geradezu
fahrlässig ist, diese Informationsquelle nicht zu nutzen. Und doch machen gerade technisch orientierte Manager diesen Fehler.
Was meinen Sie konkret?
Stellen Sie sich vor, jemand sollte Ihnen über den Stand eines Projektes berichten. Wie kam er zur Tür herein? Wie steht er
vor Ihnen, locker, mit offenem, geradem Blick, oder nesteln seine Finger nervös am nächst Greifbaren herum? Versucht sein
Blick Ihnen auszuweichen? Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie solche Zeichen bemerken. Sie können Ihnen helfen, die gerade
gehörte Information einzuschätzen: Haben Sie wirklich alle Informationen erhalten, oder müssen Sie damit rechnen, dass nicht erwähnte
Details später all Ihre Planungen zur Makulatur werden lassen?
Wie sollte ein Manager auf solche Signale reagieren?
Ich warne davor, zu viel Druck auszuüben. Wenn Sie sehen, dass jemand nicht wirklich offen mit Ihnen spricht, so dürfte es
wesentlich wirkungsvoller sein, wenn Sie im Gespräch Ihre Offenheit, auch ein offenes Ohr für seine Anliegen zu erkennen
geben. Dann wird Ihr Gegenüber Vertrauen fassen und Sie werden vermutlich erfahren, was Ihren Gesprächspartner davon abhält,
all seine Informationen an Sie weiterzugeben.
Wovor sollte sich eine Führungsperson in diesem Zusammenhang unbedingt hüten?
Wer das offene Gespräch sucht, sollte dominante Verhaltensweisen möglichst vermeiden. Als dominant empfinden wir alle Bewegungen,
die von oben nach unten geführt werden. Unser Gegenüber bekommt nur den Handrücken zu sehen, keine offene Hand, die bereit ist,
zu geben und zu nehmen. Gleichgültig, ob ich jemandem auf den Arm tippe, ob ich ein Objekt abdecke, um zu sagen 'Das gehört mir',
oder ob ich mit gestrecktem Zeigefinger ein Kommando oder eine Instruktion gebe: 'Das wird so oder so gemacht!'
Solche dominanten Handbewegungen gehören zwar auch in das Repertoire von Führungspersönlichkeiten. Sie übertragen die klare
Aussage: 'Ich lasse nicht mit mir reden.' Das muss auch gelegentlich sein. Wir sind allerdings aufgefordert uns bewusst zu
machen, an wen wir uns damit wenden und welche Signale wir durch solche Bewegungen aussenden.
Wie sind Hemmschwellen für die Kommunikation abzubauen?
Sorgen Sie dafür, dass Ihr Gesprächspartner sich anerkannt fühlt. Das kann etwa dadurch zum Ausdruck kommen, dass Sie auf einen
Mitarbeiter, der Sie selten aufsucht, zugehen, wenn er Ihr Büro betritt, und nicht beschäftigt hinter Ihrem Schreibtisch
warten, bis der Besucher endlich vor Ihnen steht. Konzentrieren Sie sich auf das Gespräch, schauen Sie Ihr Gegenüber freundlich
an, neigen Sie vielleicht ein wenig den Kopf, das kann Spannung aufheben.
Aber starren Sie den anderen bitte nicht an, sondern beziehen Sie ihn als Ganzes in Ihren Blick ein, lassen Sie Ihre Augen leicht
über sein ganzes Gesicht, über Hals und Brust gleiten. Wenn Sie einen Moment mit sich selbst zu Rate gehen möchten, um über das
Gehörte nachzudenken, so senken Sie den Blick kurz nach unten, statt nach rechts oder links zu schauen. Denn sonst könnte beim anderen
der Eindruck entstehen, Sie wollten dem Gespräch entfliehen und nicht weiter mit ihm zu tun haben.
Auch wenn Sie nur zuhören, auf ein wenig Mimik sollten Sie nicht verzichten, denn der andere erwartet nicht nur Interesse,
sondern auch Reaktion. Wer nicht reagiert, erweckt den Eindruck, als habe das Gehörte keine Wirkung auf ihn.
Informationsgewinnung ist die eine Seite von Führung. Worauf sollte ein Manager achten, wenn er seine Erkenntnisse
und Vorstellungen in seiner Mannschaft zur Wirkung bringen möchte?
Auf Souveränität! Bemühen Sie sich stets um Gelassenheit, die Sie z.B. durch ruhige Bewegungen und eine tiefere Intonierung
Ihrer Stimme zum Ausdruck bringen. Dabei hilft Ihnen übrigens eine gerade Haltung: Wenn Arme, Beine, Kopf und Hals sich frei
bewegen können, wenn Ihr Atem frei durch den Brustkorb fließen und Ihr Blut mit Sauerstoff versorgen kann, strahlen Sie
Tatkraft und Selbstvertrauen aus, das sich auf Ihre Mitarbeiter übertragen wird.
Die Brust wölben wie ein Truthahn - das kann nicht Ihr Ernst sein!
Auf gar keinen Fall, das wäre lächerliches Imponiergehabe, das übrigens ebenfalls den freien Energiefluss unterbricht.
Einfach nur gerade halten! Aber was heißt hier 'einfach' - natürlich fällt dies schwer, wenn man den lieben langen Tag an
den Bürostuhl gefesselt ist. Trotzdem sollte man es versuchen. Dies kommt nicht nur der Wirkung auf andere zugute, man wird
sich auch selbst viel besser fühlen.
Apropos Gefühle - im Umgang mit den Mitarbeitern eher zeigen oder zurückhalten?
Wutausbrüche schaden der Souveränität einer Führungspersönlichkeit, das dürfte keine Frage sein. Aber wenn Sie Ihre
Mannschaft begeistern wollen, sollten Sie durchaus Gefühl, Ihre eigene Begeisterung zeigen, und zwar in Ihrer Mimik,
Ihrer Stimme und in Ihren Gesten! Was die Mitarbeiter mit ihren Sinnen erleben, hinterlässt einen viel stärkeren Eindruck
als überzeugende Worte allein. Oder wie reagieren Sie auf den Vortrag eines anderen?
Dieses Interview mit Prof. Molcho wurde erstmals veröffentlicht im Magazin DER FuE MANAGER (04/2005). Dort
auch illustrierende Fotos, aufgenommen von Tobias Eble
|
 |
|
|
|