Dr. Werner Widuckel, Personalvorstand der Audi AG

Wettbewerbsfähigkeit durch erfolgreiche Personalarbeit
- die demografische Entwicklung und ihre Herausforderungen


(-> Zur Präsentation von Dr. Werner Widuckel)

Unter dieser Überschrift erläuterte Dr. Werner Widuckel bei einer Fachtagung im Bundeswirtschaftsministerium das Konzept, an dem bei Audi im Hinblick auf die anstehende Alterung der Belegschaft gearbeitet wird. Dabei appellierte er an die rund 150 anwesenden Unternehmer umzudenken - weg vom Defizitmodell des Alterns hin zu einem differenzierten Bild, das die Stärken des Alters wahrnimmt und auf ihre Nutzung ausgerichtet ist. Bei Audi habe sich der gesamte Vorstand auf ein Commitment dazu geeinigt (Mai 06).

Zum Hintergrund

Die Audi AG kann auf eine außerordentlich positive Unternehmensentwicklung in den vergangenen zehn Jahren zurückblicken. Eine nachhaltige Fortsetzung* dieser Entwicklung ist nur mit einer deutlichen Erhöhung des Leistungsniveaus in allen Bereichen zu erzielen. (Widuckel: "Audi will bis 2015 der attraktivste Arbeitgeber werden, um die besten Leute an sich zu binden.") Diese gestiegene Leistungserwartung richtet sich allerdings an eine Belegschaft, deren gewandelter Altersaufbau vor allem durch einen höheren Anteil älterer Mitarbeiter gekennzeichnet sein wird.

Mit Blick auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten ist die absehbare Veränderung des Altersaufbaus vor allem in den unmittelbaren Bereichen der Fertigung von besonderer Bedeutung. (Widuckel: "Aus strategischen Gründen sollen nicht nur Entwicklungsstandorte in Deutschland bleiben, sondern auch Fertigung.") Ohne personalpolitische und personalwirtschaftliche Maßnahmen würde u.a. der Anteil der Mitarbeiter mit "einsatzkritischer Leistungswandlung" zunehmen.

Da aber auch bei Audi durch Rationalisierung und Effizienzsteigerung in der Fertigung Arbeitsplätze reduziert wurden, die vorrangig für den Einsatz älterer Mitarbeiter geeignet sind, wurden folgende Handlungsfelder definiert:
  • Umfassende Förderung der "Beschäftigungsfähigkeit" mit ihren drei Grundelementen -> berufliche Kompetenz, Motivation u. Gesundheit
  • Steuerung von Altersstruktur und Personalkapazitäten in adäquaten Einsatzfeldern
  • Alterns- und gesundheitsgerechte sowie wettbewerbsfähige Gestaltung der Leistungsbedingungen
  • Förderung von Eigenverantwortung, Engagement und Selbstwirksamkeit der Mitarbeiter auf allen Ebenen


  • Lernförderliche Entwicklungswege von der Ausbildung bis in den Ruhestand

    Aufgrund des hohen Veränderungsdrucks ist Audi auf die Bereitschaft der Mitarbeiter zu kontinuierlichem Lernen sowie auf ein hohes Maß an Flexibilität von Seiten der Beschäftigten angewiesen.
    Das Ziel: Alle Belegschaftsmitglieder sollen systematisch entsprechend ihrem fachlichen Können und ihrem Engagement gefördert werden. Orientiert am Konzept von Berufsfamilien wird eine "Personalentwicklung im Tarif" angestrebt.
    Instrumente:
  • Förderung horizontaler Positionswechsel
  • "Wanderjahre" für neu ausgelernte Jungfacharbeiter
  • Beschäftigte aus dem direkten Fertigungsbereich erhalten Entwicklungs- u. Aufstiegsmöglichkeiten, die bisher eher anderen Mitarbeitergruppen (z.B. technischen Angestellten) vorbehalten waren


  • Prävention, Checkup und Gesundheitsförderung

    Umfassende gesundheitliche Präventionsmaßnahmen für den Erhalt und die Steigerung der Leistungsbereitschaft behalten ihre bisher schon hohe Bedeutung. Ziele:
  • Langfristige Senkung der altersbezogenen Häufigkeit chronischer Erkrankungen durch individuelle Frühdiagnostik ("Audi Checkup"*), Beratung und Gesundheitsförderung
  • Ergonomische Gestaltung aller Arbeitsplätze, um "arbeitsbezogene Erkrankungen" zu vermeiden
  • Kurz- und langfristige Belastungswechsel, um Überbeanspruchungen zu vermeiden und die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten
  • Individuell gesundheitsgerechter Einsatz chronisch kranker Mitarbeiter
  • Förderung eines kompetenten, eigenverantwortlichen Umgangs aller Mitarbeiter mit ihrer Gesundheit

  • *"Audi Checkup" (ab 50 wird alle drei Jahre ein Gesundheitsprofil erstellt)
    -> deckt unmittelbar vom Gesundheitsverhalten abhängige Faktoren auf:
  • körperliche bzw. sportliche Aktivität
  • Body Mass Index als Maß des Körpergewichts
  • Rauchen
  • Beweglichkeit der Wirbelsäule
  • Außerdem:
  • Stoffwechselwerte
  • Funktion innerer Organe
  • Blutdruckwerte
  • Wohlbefinden
  • Psychische Gesundheit (interviewgestützte Analyse)
  • -> Betriebsarzt soll alle Untersuchungsergebnisse verständlich erläutern und ausführlich beraten bzw. attraktive Gesundheitsförderprogramme vermitteln.

    Steuerung von Personalkapazitäten und Personalstrukturen

    Das Ziel einer ausgewogenen Altersstruktur soll erreicht werden durch:
  • eine demografiebewusste Einstellungspolitik
  • eine flexible Gestaltung der individuellen Lebensarbeitszeit -> Anpassung der Arbeitszeit an Belastungsschwankungen, persönliche Belange und Lebensphasen
  • Aufstieg in Führungspositionen auch für 50plus


  • Gestaltung der Leistungsbedingungen

    In zahlreichen Untersuchungen konnte ein Zusammenhang zwischen der Qualität ergonomischer Arbeitsgestaltung und verschiedenen Gesundheitsindikatoren - Arbeitsunfähigkeitszeiten, Behandlungsbedarf von Muskel- und Skeletterkrankungen oder vorzeitiger Renteneintritt - belegt werden. (Widuckel: "Die Leistungsfähigkeit sinkt mit dem Alter nicht zwangsläufig. Veränderung des Leistungsvermögens bedeutet nicht notwendigerweise eine Verschlechterung")
    Da chronische wie nicht-chronische Erkrankungen mit steigendem Alter zunehmen, ist die Gestaltung der Leistungsbedingungen ein zentrales Handlungsfeld für das Gesundheitsmanagement bei Audi:
  • Bereits in der Planungsphase greift flächendeckend die strukturierte Arbeitsplatzanalyse (APSA).
  • Im Rahmen des "Audi-Gesundheitsberichts" werden die häufigsten Arbeitsunfähigkeitsfälle bei akuten und chronischen Erkrankungen ausgewertet. Daraus werden die Bedingungen für die präventive Arbeitsgestaltung, eine frühzeitige Wiederaufnahme der Arbeit und den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit abgeleitet.
    Im Hinblick auf die speziellen Stärken und Schwächen älterer Miktarbeiter werden zukünftige Arbeitsstrukturen in der Fertigung folgende Merkmale aufweisen:
  • Belastungswechsel
  • "Entdichtung" der Leistungsintensität durch eine angepasste Leistungs- bzw. Personalbemessung
    (Widuckel: "Arbeit am Band ist heute so getaktet, dass kein >55-Jähriger mehr mitkommt.")
  • Zusätzliche Kurzpausen
  • Vermehrter Einsatz technischer Arbeitshilfen
  • Arbeitszeitgestaltung


  • Unternehmenskultur und Mitarbeiterführung

    Zu den Grundbausteinen eines Demografiekonzeptes gehören eine gegenüber älteren Mitarbeitern wertschätzende Unternehmenskultur sowie ein demografiebewusstes Führungsverhalten. Ein wertschätzender Umgang mit und zwischen den Mitarbeitern verschiedenen Alters ist erforderlich.

    Ausblick und Perspektive

    Auch die Entwicklung der tariflichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen wird von besonderer Bedeutung sein. Hier sind neue Orientierungen notwendig:
  • Differenzierende Wege des Ausstiegs aus dem Erwerbsleben
  • Gleitende Modelle mit unterschiedlichen Teilzeitformen (Widuckel: "Ansparen von Zeit z.B. mit Zeit-Wert-Papieren ")
  • Leistungsbedingungen altersgerecht ausgestalten -> Verhältnis zwischen Personalbemessung, Leistungsintensität und Arbeitszeit
  • Co-Finanzierung von Ausstiegswegen durch die Mitarbeiter
  • Überdenken von tarifvertraglichen Schutz- u. Besitzstandsregelungen
  • Verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen zur Ausgestaltung von Alterssicherung u. betrieblicher Altersversorgung
  • Audi fühlt sich jedoch selbst in der Pflicht, die internen Voraussetzungen für eine Bewältigung des demografischen Wandels ständig zu verbessern. Dies reicht - wie aufgezeigt - von der Strukturierung von Handlungsfeldern über konkrete Gestaltungsmaßnahmen bis zu einem Prozess des kulturellen Wandels. In dessen Mittelpunkt müssen zwei zentrale Aspekte stehen:
  • Gebraucht wird ein neues Verständnis des Entwicklungspotenzials der Mitarbeiter. Personalentwicklung und Förderung müssen veränderten Altersstrukturen gerecht und daher an verlängerte Lebensarbeitszeiten angepasst werden.
  • Die Mitarbeiter müssen sich darauf einstellen, dass das Unternehmen nicht nur Förderung anbietet, sondern die Bereitschaft zur Entwicklung einfordern wird.

  • Quelle: Redemanuskript von Dr. Werner Widuckel für die Fachtagung "Wettbewerbsfähigkeit sichern - Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandels" am 28.11.06 im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin; Notizen von Vision50plus.de

    (*Laut Mitteilung des Unternehmens vom 11.12.06 will Audi in den kommenden 5 Jahren 11,8 Mrd. Euro investieren, davon allein 8,4 Mrd. in die Entwicklung neuer Baureihen. Bis 2015 soll die Zahl der Modelle von derzeit 22 auf 40 erhöht werden.)


    Literaturhinweis:
    Dr. Werner Widuckel: "Gestaltung des demografischen Wandels als unternehmerische Aufgabe" in der Publikation "Länger leben, arbeiten und sich engagieren. Chancen wertschaffender Beschäftigung bis ins Alter" (2006)