Wohnen

Die PflegeWG als neue Alternative zum Pflegeheim

Der Münchner Sozialanwalt Alexander Frey im Video-Interview mit Vision50plus.de

Vision50plus: Herr Frey, in Deutschland werden 611.000 Pflegebedürftige in 9.200 Heimen betreut - weil ihnen keine andere Wahl bleibt?

Alexander Frey: Fast niemand will in herkömmlichen Heimen leben


Vision50plus: Welche Alternativen gibt es?

Alexander Frey: WGs in Heimen, Betreutes Wohnen oder eigenständige PflegeWG


Vision50plus: Ist die Betreuung in kleinen Einheiten wie den PflegeWGs nicht viel teurer als in Heimen?

Alexander Frey: Die skandinavischen Länder setzen auf PflegeWGs, weil sie die Folgekosten mit einrechnen!

(Mit Folgekosten sind Behandlungskosten für Wundliegen, Austrocknen u.ä. durch mangelhafte Pflege, hoher Krankenstand des oft ausgepowerten Personals usw. gemeint)


Vision50plus: Angenommen, bei uns würde sich nun eine große Zahl von Pflegebedürftigen bzw. deren Angehörigen für die Gründung einer PflegeWG entscheiden - wären dafür genügend geeignete Wohnungen zu finden?

Alexander Frey: In Ballungsgebieten nur vielleicht etwas teurer, aber auch bei hoher Miete nicht teurer als Pflegeheim


Vision50plus: Wer trägt hier die Kosten?

Alexander Frey: Die Krankenkasse müsste auch hier die Kosten für die Behandlungspflege tragen

Alexander Frey: Die Pflegeversicherung wird nicht ganz reichen. Sie reicht künftig aber auch für den Heimplatz nicht mehr


Vision50plus: In Berlin gibt es bereits um die 100 PflegeWGs - klappt die Kostenübernahme durch Kranken- u. Pflegekassen dort reibungslos?

Alexander Frey: Einiges muss noch ausgekämpft werden

Alexander Frey: Krankenkassen müssen Behandlungspflege auch in der PflegeWG per Gesetz bezahlen!


Vision50plus: Stichwort Qualitätskontrolle....

Alexander Frey: Qualitätskontrolle wird mit Sicherheit nicht schwieriger als in Heimen


Vision50plus: Warum favorisieren Sie die PflegeWG auch gegenüber dem Betreuten Wohnen?

Alexander Frey: Man kann Betreuer und Pflegedienst frei wählen und auch wechseln!


Vision50plus: Sie fordern die großen Wohlfahrtsverbände, die bisher viele Pflegeheime betreiben, auf, sich auch bei den Pflegediensten verstärkt zu engagieren - warum?

Alexander Frey: Nur viele (gute) Anbieter sichern die Wahlmöglichkeit


Vision50plus: Was raten Sie dem, der auch als Pflegebedürftiger menschenwürdig leben will?

Alexander Frey: Rechtzeitig kümmern - hier wäre eine PflegeWG-Börse eine große Hilfe!

Vision50plus.de hat Freys Anregung aufgenommen und den ersten Schritt hin zu einer solchen Börse getan: unter der Adresse www.PflegeWG.de können PflegeWG-Interessierte sich registrieren lassen.
Dieses elektronische "Schwarze Brett" soll die Suche nach Gleichgesinnten erleichtern.


Auch die bayerische Sozialministerin Christa Stewens appelliert an die Wohlfahrtsverbände, mehr ambulante Hilfen aufzubauen. Die Altenhilfe solle stärker auf Wohngemeinschaften setzen.
(Süddeutsche Zeitung vom 5.11.04)
Man müsse sich jedoch bewusst sein, dass der wachsende Wunsch nach weitgehender Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung dazu führe, dass es keine zu engen gesetzlichen Vorgaben oder Kontrollen geben könne und dürfe.
Im Hinblick auf die immer beliebter werdenden neuen Wohnformen warnt auch Stewens davor, "durch staatliche Investitionslenkung Wohnformen zu fördern, die vielleicht schon überholt sind".
(Süddeutsche Zeitung vom 10.12.04)

Zum Umsatz mit der Heimpflege siehe Süddeutsche Zeitung v. 6./7.11.04:
Marseille-Kliniken AG will nach guten Gewinnen weiter in Pflegeheime investieren und strebt eine "optimale Zahl" von 12.000 Betten an.


Senioren-WG

Zum Thema SeniorenWG: ZDF-Sendung '37 Grad' vom 19.10.04


Lebenslauforientierung - der neueste Trend beim Bauen

Wer heute richtig plant, braucht sich um seine Selbstständigkeit im Alter weniger Sorgen zu machen.
Der Innenarchitekt u. Industrial Designer Joachim F. Giessler gibt im Interview mit Vision50plus.de Tipps, worauf es ankommt.

"Lebenslauforientierung" heißt, die Anforderungen an eine Wohnung in jüngeren Jahren mit dem zu verbinden, was der älter werdende Mensch braucht. Anpassungsfähigkeit ist gefragt. Joachim Giessler erläutert dies an einem Beispiel:

Joachim Giessler: Beispiel Küche

Im sanitären Bereich sind solche Anpassungen nur bei bestimmten baulichen Gegebenheiten möglich, so der Innenarchitekt Giessler:

Anpassung des Badezimmers

"Raumfunktionsänderungen" werden zum Beispiel durch herausnehmbare Trennwände möglich. Baustoffe der Wahl sind dann also nicht Beton oder Stein, sondern Leichtbaumaterialien. Diese haben nur einen Nachteil: sie sind durchlässiger für Geräusche. Giessler appelliert deshalb an die Bauindustrie, hier neue Produkte zu entwickeln.
Viel zu wenig bedacht werde bisher auch das Bedürfnis älterer Menschen, sich die Welt ins Wohnzimmer zu holen.

Blick nach draußen

Die Bauordnung lasse hier kaum Gestaltungsmöglichkeiten.

baurechtliche Vorschriften

Giesslers Forderung

Baurechtliche Hindernisse beklagt Giessler auch in anderer Hinsicht. Die Schwelle zu Terrasse oder Balkon sei heute zwangsläufig Stolperschwelle für ältere Menschen. Doch die Vorschriften zum Schutz vor Witterungseinflüssen und Energieverlust seien von gestern:

moderne Schwellenkonstruktion

Forderung an Gesetzgeber u. Bauaufsicht

Eigens zur Wohnraumanpassung geschaffene Regelungen sorgen laut Giessler bisher eher für Verwirrung. Sie stünden in Widerspruch zu DIN-Normen, aufgehoben seien die alten Regeln nicht. Der Fachmann Giessler empfiehlt insbesondere den Kommunen dringend eine ganzheitliche Sicht des Themas und plädiert für mehr Gestaltungsfreiheit.

Joachim F. Giessler
- ist mit seinem Institut "Wohnen im Alter e.V." externer Partner des Generation Research Program
- hat einen Lehrauftrag an der FH Coburg, u.a. zum Thema "Wohnen im Alter"

Veröffentlichungen:
- " Planen und Bauen für das Wohnen im Alter (völlig überarbeitete Neuaufl. Dez. 04)
- "Entwurf u. Gestaltung für den Innenausbau", 1990
- "Gestaltendes Zeichnen für den Innenausbau", 1987
(erschienen im DVA-Verlag)


Alternative „Betreutes Wohnen“ weckt neue Energien

Viele Bewohner von Alten- u. Pflegeheimen könnten nicht nur durch gezieltes Gehirntraining zu einem eigenverantwortlichen Leben zurückfinden. Könnten sie darauf vertrauen, dass jederzeit Hilfe zur Verfügung steht, würde so mancher mit wehenden Fahnen in die eigene Wohnung entfliehen und seinen Alltag wieder weitgehend allein bewältigen.

Belegt wird diese These durch das Verhalten in einem Würzburger Alten- u. Pflegeheim, als nebenan eine Anlage für Betreutes Wohnen eröffnet wurde. Die meisten Alten im Heim trauten sich das Leben dort zu und zogen um. (SZ v. 7.5.04)

Ein Vergleich der Kosten ermutigt zusätzlich zu diesem Schritt:
Nach den Qualitätsstandards der Bayerischen Stiftung für Qualität im Betreuten Wohnen (BSQBW) bewegt sich die Wohnungsgröße im Betreuten Wohnen zwischen 52 u. 58 Quadratmetern.
Legt man wie Hans-Herbert Holzamer in der SZ (7.5.04) einen Quadratmeterpreis von 20 € zugrunde und rechnet die Nebenkosten und die Betreuungskosten-Pauschale mit 24-Stunden-Sicherheits-Service hinzu, lägen die Mietkosten für eine Betreute Wohnung in München unter 1.300 € pro Monat.
Der Bewohner eines Heimes bezahlt dagegen für ein Zimmerchen zwischen 24 und 28 Quadratmetern 3.500-4.000 € im Monat. Verpflegung und Komplettbetreuung sind hier inbegriffen, ob der Bewohner sie nun braucht oder nicht.

Nach Schätzungen des BSQBW gäbe es allein in München Bedarf für mindestens 15.000 Plätze im Betreuten Wohnen.


Projekt Senioren-Wohngemeinschaft in Bayrischzell

Projektleiter Norbert Döring: Wohnen kann auch in der 2. Lebenshälfte aktives Gemeinschaftsleben bedeuten.

Dörings Projekt kombiniert kleine komplette Wohneinheiten mit Gemeinschaftsräumen. Diese Wohnform soll jedem (älter werdenden) Bewohner die Möglichkeit bieten, sich auch zurückziehen zu können. Vorgesehen sind 13 Wohneinheiten von 35 oder 60 Quadratmetern Nutzfläche, die zwischen 70.000 u. 120.000 € kosten sollen. Die Gemeinschaftsräume sind für ganz praktische hauswirtschaftl. Tätigkeiten ebenso vorgesehen wie für den Austausch untereinander. Diese Räumlichkeiten sollen außerdem mit allen technischen Einrichtungen für eine Pflegebedürftigkeit ausgerüstet werden.
Im Mittelpunkt steht der Gedanke gegenseitiger Hilfe. Wo diese nicht mehr ausreicht, soll ein externer Pflegedienst einbezogen werden.

Die Gemeinde Bayrischzell unterstützt das Vorhaben, das auch städtebaulich in
das Gemeindeleben integriert werden soll. Die Entfernung zum Bahnhof Bayrischzell beträgt nur 100 Meter, der Zug nach München verkehrt von 5 bis 22 Uhr stündlich. Auf die zentrale Idee der Hilfe zur Selbsthilfe geht ein weiterer Bestandteil des Konzepts zurück: die Tauschbörse, die auch den anderen Bewohnern des Ortes offen stehen wird. Bayrischzeller sollen dort z.B. kurzfristig eine Tagesmutter oder Hausaufgabenbetreuung finden. Solche Leistungen könnten dann etwa mit Besorgungsgängen vergolten werden.

Konkrete Planungen laufen bereits jetzt für ein touristisches Angebot, bei dem sich die künftigen WGler einbringen können.
Während das "Landhaus Deutsches Haus" (gegenüber der WG) Übernachtung u. Frühstück anbietet, kümmert sich das Team um Norbert Döring um das Programm, das in 3 Bereiche gegliedert ist:
- Natur, Geschichte, Heimat
- Kultur (Bildende Kunst + Literaur)
- Sport u. Freizeit
Vorgesehen sind dabei auch von den WGlern geführte Ausflüge in die Region.

Kontakt:
Norbert Döring
Uferweg 6
83730 Fischbachau
Tel. 08028/ 90 52 90


Studie 'Betreutes Wohnen'

Altersforscher der Universität Augsburg haben sich in einer Langzeitstudie mit der Zufriedenheit im betreuten Seniorenwohnen befasst und dabei die Wohn- u. Betreuungsbedingungen genau untersucht. Sie analysierten auch, wovon die Nutzung der Grund- u. Wahlleistungen durch die Bewohner abhängt. Außerdem fanden sie heraus, wie sich die Bewohner ein Netzwerk aus familiärer und professioneller Hilfe organisieren. Die Daten der Augsburger Wissenschaftler liefern wichtige Hinweise zur Weiterentwicklung des betreuten Seniorenwohnens.

'Betreutes Seniorenwohnen im Urteil der Bewohner', Verlag für Gerontologie Alexander Moeckl, ISBN 3-928331-98-1


Literaturhinweis

Bettina Rühm: Unbeschwert wohnen im Alter. Neue Lebensformen und Architekturkonzepte, DVA Verlag München 2003

Auf 143 Seiten werden Modelle für unterschiedliche Wohnformen vorgestellt. Als Beispiele für Seniorenwohnheime und Betreutes Wohnen dienen die Seeresidenz in Seeshaupt und das Mathildenstift in München. Altersgerechte Wohnraumanpassung wird an einer Münchner Dachgeschoßwohnung illustriert.
Zu finden ist auch ein Kapitel zum Lebensabend im sonnigen Süden.
Umfangreiche Beschreibung der Wohnobjekte, ergänzt durch detaillierte Informationen zu Mietkosten sowie zu Service-Angeboten.


Adressen und Links

- Institut Wohnen im Alter e.V.

- www.stiftung-betreutes-wohnen.de

- www.Pflegeruf-Muenchen.de

- www.byak.de

- Bayerische Architektenkammer. Beratungsstelle „Barrierefreies Bauen“ u. Sozialberatung (finanzielle Förderungsmöglichkeiten)
Kontakt:
Beratungsstelle Barrierefreies Bauen
Postfach 190165
80601 München
Tel. 089 / 13 98 80 - 31
Fax 089 / 13 98 80 - 33
eMail: barrierefrei@byak.de


PflegeWGs in München

Sozialreferent Friedrich Graffe: zwei bekannt; Einrichtungen müssen ihren Betrieb jedoch nicht anmelden
Graffe will im Sommer 2005 alternatives Gesamtkonzept für die Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen vorstellen.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29.12.04)

- www.kda.de

- www.muenchen.de

- www.muenchner-pflegeboerse.bissnet.de
Datenbanksuchsystem über freie Pflegeplätze in München u. Umgebung

- www.wohnlotse-muenchen.de
Hilfen für Wohnungsanpassung u. Beratung bei der Suche nach dem geeigneten Heimplatz

- www.wohnprojekte.de
Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter Bundesvereinigung e.V.

- www.wohnungsanpassung.de
Adressliste aller Wohnberatungsstellen in Deutschland und Materialbestellung